Toleranz in der Seniorenbegleitung – Stärke zeigen, ohne sich zu verbiegen
© Michael Bleek, Der Gerontotherapeut, 2025
In der Seniorenbegleitung begegnen wir täglich Menschen mit unterschiedlichsten Biografien, Weltanschauungen, Temperamenten und Lebensspuren.
Toleranz bedeutet in diesem Umfeld weit mehr, als „alles hinzunehmen“.
Sie ist eine Haltung – eine bewusste Entscheidung für Respekt, Geduld und Menschlichkeit.
Was ist also Toleranz?
Toleranz heißt, andere Meinungen, Lebensweisen und Gewohnheiten anzunehmen, ohne sie automatisch zu übernehmen oder direkt zu verurteilen.
Sie bedeutet, den Menschen zu sehen – nicht nur sein Verhalten.
Ein demenzkranker Bewohner, der laut wird, eine Kollegin, die anders denkt oder arbeitet, ein Senior, der aus einer völlig anderen Kultur stammt – all das fordert unsere innere Haltung heraus.
Bei der Toleranz geht es erstmal um das Verstehen wollen bevor ich mir sofort ein Urteil bilde.
Was Toleranz nicht ist
Toleranz heißt nicht, dass wir uns alles gefallen lassen müssen oder alles gutheißen müssen.
Sie ist weder ein Freibrief für Respektlosigkeit noch für Grenzüberschreitungen oder Verletzungen.
Wenn ein Bewohner beleidigt, schlägt oder verbal übergriffig wird, darf und muss das benannt werden – freundlich, bestimmt und klar ohne dabei aggressiv zu werden.
Auch gegenüber Kollegen gilt: Verständnis ja, Missachtung nein.
Toleranz verliert ihren Wert, wenn sie auf Kosten der eigenen Würde geht.
(Aber auch da muss man sich seiner eigenen Empfindlichkeiten und Trigger bewusst sein)
Wo sind die Grenzen der Toleranz
Die Grenze liegt immer dort, wo das gegenseitige Wohl, die Sicherheit oder der Respekt verletzt werden.
Ein toleranter Mensch hat Werte – und steht zu ihnen.
Grenzen zu ziehen bedeutet nicht Härte, sondern Selbstachtung.
Ein professioneller Begleiter weiß:
Ich kann empathisch sein, ohne mich ausnutzen zu lassen.
Ich kann Verständnis zeigen, ohne meine Verantwortung zu verlieren.
Toleranz ist aber auch keine Einbahnstraße.
Wie oben schon beschrieben, ist es kein Freibrief für Respektlosigkeiten oder ähnlich bewusstes Verhalten.
Wie du Grenzen klar, aber wertschätzend aufzeigst
Bleibe ruhig, aber bestimmt: Klare, ruhige Worte wirken stärker als lautes Reagieren.
Sprich in Ich-Botschaften: „Ich fühle mich unwohl, wenn...“ statt „Sie sind immer...“.
Erkläre dein Warum: Wenn Menschen verstehen, warum du etwas nicht zulässt, akzeptieren sie es eher.
Setze Konsequenzen um: Grenzen sind nur glaubwürdig, wenn sie auch gehalten werden.
Wer ständig droht, dies aber nicht umsetzt, verliert seine Glaubwürdigkeit.
Drohen ist hier auch das falsche Wort, sondern eher das bewusst machen das sein Verhalten auf mich Wirkung zeigt und ich nicht gewillt bin mir alles bieten zu lassen und dies auch nicht muss.Es geht also um Grenzen aufzeigen und sollte immer das letzte Mittel sein.
Generell mag ich das Konzept der GFK, Gewaltfreien Kommunikation)
Bleibe respektvoll – auch wenn der andere es nicht ist: Dein Ton bestimmt, ob eine Grenze trennt oder Orientierung gibt.
Zusammenfassend
Toleranz ist kein Zeichen von Schwäche – sie ist Ausdruck innerer Stärke.
Sie verbindet Gelassenheit mit Klarheit, Mitgefühl mit Standhaftigkeit.
Gerade in der Seniorenbegleitung ist sie unser unsichtbares Werkzeug:
Sie hilft uns, Menschen in all ihrer Vielfalt anzunehmen – und uns selbst dabei nicht zu verlieren.
„Toleranz bedeutet nicht, dass ich alles gutheiße – sondern, dass ich den Menschen trotzdem achte.“
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