Duzen oder Siezen?

Veröffentlicht am 2. März 2026 um 18:58

Duzen oder Siezen? – Ein zentrales Thema in der Seniorenbetreuung

© Michael Bleek, Der Gerontotherapeut, 2025


Dies ist eines der umstrittensten Reizpunkte in Einrichtungen und allgemein in der Seniorenarbeit.
Generell vorab: Halten Sie sich an die Vorgaben der Einrichtung. Wenn Sie es nicht tun, kann es zu Abmahnungen führen und auch den Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Trotz allem teile ich mir meine Sichtweise, weil ich weiß, dass unabhängig der Richtlinien im Haus viele die Bewohner sowieso duzen.

Dies halte ich für genauso schwierig wie ein generelles Du Verbot.

Wir sind oftmals für die Betroffenen Familienersatz oder zumindest Familienergänzung. Wir sind die ersten Ansprechpartner bei Kummer und Sorgen, wir vermitteln Wärme und Sicherheit. Es baut sich ein Vertrauensverhältnis auf bei vielen.
Aus dieser Sicht betrachtet finde ich es schwierig ein generelles Verbot auszusprechen.
Dann gibt es natürlich Pflege- und Betreuungspersonal, die brauchen für sich eine nötige Distanz. Sie wollen gar keine wirkliche Nähe zu dem Bewohner aufbauen. Andere haben Angst vor der Grenzüberschreitung des Bewohners oder vielleicht sogar vor ihrer eigenen Grenzüberschreitung nach dem Motto: „Es ist einfacher Du als Sie Blödmann“ zu sagen.
Ich persönlich duze lieber und werde auch lieber geduzt.
So hat jeder seine Vorlieben.
Andere werden lieber gesiezt und siezen lieber. So ist das nun mal.

Meine persönliche Meinung allgemein und professionell ist: Es geht um Haltung. Wenn einer, egal ob ich ihn duze oder sieze neige Respektlos zu werden, der sollte sich Fragen was seine persönliche Haltung ist in der Kommunikation?
Haltung ist das was von Innen her kommt. Ob ich persönlich jemanden duze oder sieze, davon mache ich meine Haltung, meinen Respekt dem anderen gegenüber nicht abhängig!
Bei mir muss auch keiner was leisten, damit ich Respekt vor ihm habe. Eine normale Freundlichkeit reicht.
Ob jemand den Respekt allerdings behält ist allerdings eine andere Sache ;)

In der Seniorenbetreuung, um wieder zurückzukommen ist die richtige Anrede mehr als Höflichkeit – sie ist ein elementarer Bestandteil von Würde, Nähe und professioneller Haltung. Gerade in einer Branche, in der Beziehungsgestaltung täglich über Vertrauen entscheidet, führt die Frage „Dürfen wir uns duzen?“ oder „Möchten Sie lieber beim Sie bleiben?“ immer wieder zu Unsicherheiten.
Lassen Sie den Bewohner den ersten Schritt machen. Solange sollten Sie beim Sie bleiben.

Viele Einrichtungen – besonders große Träger – haben klare Standards: Das Siezen ist verpflichtend, um Respekt und professionelle Distanz abzusichern und um Grenzüberschreitungen zu minimieren.
Weiterhin: Die Generation unserer Bewohner wurde im Siezen sozialisiert. Für viele bedeutet es Wertschätzung, Anerkennung und Schutz ihres persönlichen Raumes.

Gleichzeitig erleben wir Mitarbeitenden täglich Situationen, in denen Bewohner sich Nähe wünschen. Einige bieten selbst das Du an oder reagieren herzlicher, wenn man fragt. Genau hier entsteht der Balanceakt: Nähe ja – Grenzüberschreitung nein.

 

Deshalb ist der professionellste Weg:

  1. Immer zuerst das Sie verwenden.

Das Sie ist der sichere Standard und zeigt Würde, Respekt und Tradition.

  1. Dann kann man, wenn es die Situation erlaubt oder der Bewohner einen anfängt zu Duzen, freundlich anfragen – nie aufdrängen.

„Möchten Sie, dass wir uns duzen?

Dieser Satz gibt jedem Bewohner die Entscheidung zurück, ohne Druck und ohne Einflussnahme.

  1. Wünsche konsequent einhalten.

Wer „bitte Siezen“ sagt, bekommt das Sie.

Wer „Du ist okay“ sagt, bekommt das Du – sofern die Hausregeln es erlauben.

  1. Hausvorgaben kennen und respektieren.

Viele große Träger (wie Alloheim, Kursana, Korian, Pro Seniore, AWO, Diakonie, Caritas, Arbeiter Samariter Bund, DRK-Seniorenheime usw.) schreiben das Sie als Standard zwingend vor – und das ist gut so: Es schützt uns alle.

  1. Professionelle Haltung bewahren.

Unabhängig von der Anrede bleibt es unsere Aufgabe, die Bewohner würdevoll, respektvoll und menschlich zu begleiten.

Die Form ist wichtig – der Inhalt ist entscheidend.

Am Ende geht es aber auch darum, Brücken zu bauen: mit Respekt, Herz und klarer Haltung.


Sollte ein Bewohner darauf bestehen geduzt zu werden, so sprechen Sie es mit ihrem Vorgesetzten oder Heimleitung direkt ab.
Besprechen Sie es mit den Angehörigen. Oft bekommen Angehörige einen falschen Eindruck wenn ihre Mutter oder Vater geduzt werden. Oft kann dies ganz schnell in den falschen Hals kommen.


Dokumentieren Sie es.
Dies ist die Beweisgrundlage, dass Sie hier den Wunsch des Bewohners respektiert haben und das dies von seiner Seite aus explizit gewünscht wurde.
Im Englischen oder Amerikanischen gibt es das duzen oder siezten nicht. Hier wird unterschieden aber ob man jemand mit Vor- oder Nachnamen anredet.
Klar spielen da auch kulturelle Gewohnheiten auch eine Rolle mit rein.
Nach dem Motto: „Andere Länder, andere Sitten“

Ausnahme die selbst von vielen Einrichtungen toleriert werden:
Ist ein Mensch schwer dement, reagiert er oftmals auf das Du und seinem Vornamen noch am ehesten. Der Vornamen scheint sich mehr im Gehirn verankert zu haben als der Nachname.
Das ist auch logisch. Die ersten Jahre duzen Kinder und werden auch geduzt. Selbst beim Gericht gestattet man jungen Kindern das er den Richter duzt und keiner empfindet was dabei.
Darum ist der Vorname so fest in einem verankert. Und wir wissen über die Demenz, das letzte was versagt ist das Langzeitgedächtnis.
Wichtig auch hier, sprechen Sie es trotzdem lieber mit der Heimleitung und ihrem Vorgesetzten ab, so wie das sie die Angehörigen davon in Kenntnis setzen und dies auch dokumentiert wird.
Damit gehen Sie immer auf Nummer sicher.

Denn wir sind jeden Tag Dienstleister, Bezugsperson, Wegbegleiter und manchmal ein Stück Familie.

Die richtige Anrede schafft dafür den Grundton.

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