Liebe kennt kein Verfallsdatum“ – Sexualität in der Pflege enttabuisieren
von Michael Bleek, Der Gerontotherapeut, 2026
Hand aufs Herz: Wenn wir an die Pflege und Begleitung älterer Menschen denken, stehen meist Blutdruckwerte, Mobilität oder die Medikamentengabe im Vordergrund. Doch ein Thema wird oft verschwiegen, obwohl es ein menschliches Grundbedürfnis bleibt: Sexualität und Intimität im Alter.
Warum fällt es uns so schwer, darüber zu sprechen? Oft hält sich hartnäckig der „Asexualitäts-Mythos“. Wir sehen die grauen Haare und die Falten, aber wir vergessen, dass dahinter ein Mensch mit Sehnsüchten steht. Sexualität im Alter bedeutet meist viel mehr als nur körperliche Aktivität – es geht um das Gefühl, gesehen zu werden, um Zärtlichkeit, Bestätigung und menschliche Wärme.
Die Herausforderung im Pflegealltag
Für Pflegekräfte und Seniorenbegleiter ist das Thema oft ein Drahtseilakt. Wie gehen wir damit um, wenn Bewohner im Heim ihre Intimität ausleben möchten? Was tun, wenn durch eine Demenz soziale Filter wegfallen und es zu distanzlosem Verhalten kommt?
Hier sind drei wichtige Impulse für die tägliche Praxis:
Privatsphäre ist ein Menschenrecht: Ein Zimmer im Seniorenheim ist kein Krankenhauszimmer, sondern ein Zuhause. Anklopfen und Warten sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn Bewohner Intimität suchen – ob allein oder zu zweit –, ist es unsere Aufgabe, den geschützten Raum dafür zu wahren, statt peinlich berührt wegzusehen.
Professionalität durch klare Grenzen: Wenn Bewohner gegenüber dem Personal distanzlos werden, ist professionelle Klarheit gefragt. Ein freundliches, aber bestimmtes „Ich möchte nicht, dass Sie mich so berühren“ schützt die eigene Integrität, ohne den Bewohner abzuwerten. Oft steckt hinter sexuellem Drang schlicht die Suche nach allgemeiner Nähe oder eine neurologische Veränderung durch Demenz.
Würde durch Ästhetik: Wir können die Sexualität unterstützen, indem wir die Identität der Senioren stärken. Wer sich attraktiv fühlt – durch die Lieblingsfrisur, ein wenig Lippenstift oder das vertraute Parfum – bewahrt sich ein Stück seiner Lebensfreude und Selbstliebe.
Fazit: Ein würdevoller Umgang mit der Sexualität der uns anvertrauten Menschen erfordert Mut zur Kommunikation und eine vorurteilsfreie Haltung. Es geht nicht darum, alles gutzuheißen, sondern darum, das Bedürfnis nach Nähe als Teil des Menschseins anzuerkennen.
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