Nicht immer sind die Anderen schuld – Mein eigener Anteil an Konflikten
Selbstreflexion in Pflege & Betreuung
von Michael Bleek, Der Gerontotherapeut, 2025
- Der schwierigste Blick ist der in den Spiegel
Konflikte entstehen leicht.
Verantwortung übernehmen ist schwer.
Im Alltag ist es bequem zu sagen:
„Die anderen sind schwierig.“
„Mit denen kann man nicht reden.“
„Ich bin immer der, der nachgibt.“
Doch echte Entwicklung beginnt nicht bei den anderen.
Sie beginnt bei der ehrlichen Frage:
Welchen Anteil habe ich selbst an diesem Konflikt?
- Wie gehe ich mit Kritik um?
Kritik trifft fast nie nur den Verstand – sie trifft das Ego.
Und genau hier entstehen typische Reaktionsmuster:
Rechtfertigung
Gegenangriff
Rückzug
Trotz
Abwertung des Kritikers
Die entscheidende Frage lautet nicht: „War die Kritik schön formuliert?“
Sondern: „Ist vielleicht ein Teil davon wahr?“
Wer jede Kritik sofort abwehrt, schützt kurzfristig sein Selbstbild –
aber verhindert langfristig Wachstum.
- Wie gehe ich mit Ungerechtigkeiten um?
Ungerechtigkeit tut weh.
Sie erzeugt:
Wut
Ohnmacht
Kränkung
inneren Widerstand
Doch auch hier gibt es zwei Ebenen:
Die sachliche Ebene: Was ist wirklich ungerecht?
Die emotionale Ebene: Was macht das innerlich mit mir?
Manche Ungerechtigkeiten müssen klar angesprochen werden.
Andere muss man innerlich verarbeiten, ohne daran innerlich zu zerbrechen.
Nicht jede Ungerechtigkeit lässt sich sofort lösen –
aber jede lässt sich bewusst einordnen.
- Muss ich immer Recht haben?
Rechthaben ist kein Zeichen von Stärke.
Oft ist es ein Zeichen von Angst, Kontrolle zu verlieren.
Wer ständig Recht haben muss:
hört nicht mehr zu
kämpft statt zu klären
verliert Beziehung für Position
Die ehrlichere Frage lautet: Will ich Recht haben – oder will ich eine Lösung?
Beides gleichzeitig geht oft nicht.
- Muss ich immer das letzte Wort haben?
Das letzte Wort zu haben fühlt sich manchmal an wie ein Sieg.
Doch es ist oft ein Sieg über den anderen – nicht für den Frieden.
Manchmal ist Größe:
das Gespräch bewusst zu beenden
nicht alles auszudiskutieren
stehen zu lassen, was gerade nicht lösbar ist
Nicht jedes Schweigen ist Schwäche.
Manches Schweigen ist innere Stärke.
- Was ist mein persönlicher Part an Konflikten?
Diese Fragen sind unbequem – aber heilsam:
Reagiere ich schnell gekränkt?
Gehe ich oft in den Angriff?
Ziehe ich mich sofort zurück?
Spreche ich Dinge direkt an – oder über Dritte?
Höre ich zu, um zu verstehen – oder um zu antworten?
Konflikte entstehen selten durch einen Menschen allein.
Sie entstehen fast immer im Zusammenspiel.
- Selbstreflexion ist keine Schuld – sie ist Verantwortung
Selbstreflexion bedeutet nicht: „Ich bin schuld.“
Sondern: „Ich übernehme Verantwortung für meinen Teil.“
Das ist kein Zeichen von Schwäche.
Das ist emotionale Reife.
- Was dieses Mini-Manual bewirken soll
Dieses Mini-Manual ersetzt:
keine Supervision
keine Teampflege
keine Konfliktmediation
Es soll:
zum Innehalten einladen
Denkprozesse öffnen
innere Ehrlichkeit fördern
Beziehungen entlasten
- Zentrale Leitbotschaft
Nicht jeder Konflikt ist meine Schuld.
Aber jeder Konflikt ist meine Verantwortung, wenn ich Teil davon bin.
Kommentar hinzufügen
Kommentare